TEXTE
Eine Auswahl von Texten und
Essays die sich auf das Thema Kind im Werk von Gottfried Helnwein beziehen
GOTTFRIED
HELNWEIN - BEAUTIFUL CHILDREN
Peter Pachnike und Gisela Vetter-Liebenow
Ludwig Museum Schloss Oberhausen und Wilhelm Busch Museum Hannover
1. März 2005
In der Ausstellung „The Child“,
die im vergangenen Jahr in den Fine Arts Museums von San Francisco
stattfand, hat Robert Flynn Johnson das Kind als das zentrale Thema
in Helnweins Werk sichtbar gemacht. Am Anfang stehen Helnweins hyperrealistische
Aquarelle, die in penibler, fotorealistischer Detailtreue satirisch
verfremdet Kinder darstellen, die von geschwürartigen Narben
entstellt sind, durch Spangen und Zwingen gefoltert und durch Entblößungen
gedemütigt. Peter Gorsen hat vom „malträtierten Kind“
als einer originären Bilderfindung Helnweins gesprochen, welche
die uns lieb gewordenen kindertümelnden Bildvorstellungen aufgebrochen
hat.
BEAUTIFUL
CHILDREN
Steffen Runkel
Avalist
Universität Hannover - Historisches Seminar, Philosophische
Fakultät
Juni 2005
Gottfried Helnwein im Wilhelm-Busch Museum. "Beautiful
Children“ ist die Ausstellung überschrieben,
die Werke und Photographien des gebürtigen Österreichers
Gottfried Helnwein bis zum 12. Juni 2005 im Wilhelm Busch Museum
Hannover zeigte. Und von vorneherein drängt sich die Frage auf,
ob dieser Ort, idyllisch inmitten des Georgengartens gelegen, der
richtige Ort sei für den Meister des Überdimensionalen,
der großen Installationen.
Doch bereits der Blick in den ersten Ausstellungsraum nimmt diese
Befürchtung. Es müssen nicht die ganz großen Dimensionen
sein, die in ihren Bann ziehen, es ist die Macht der Mischtechnik
auf Leinwand, die unabhängig von ihrer Größe fesselt
und fasziniert. Zu Beginn das größte Werk der Ausstellung,
2x4 Meter, ein Mädchengesicht mit geschlossenen Augen: „Beautiful
Children“. Der Titel der Ausstellung wird zum Programm. Gegenüber
das wohl schönste Werk, der Kuss zweier Nymphen. Nicht lasziv
oder aufreizend, sinnlich eher, tastend. Die ungetrübte Unschuld
des Kindes, seine Unbeschwertheit und Freiheit hat Helnwein wohl
nie besser dargestellt als in diesen beiden Werken.
KINDSKOPF -
HELNWEINS PLÄDOYER FÜR
EINE ANDERE KINDHEIT
Peter Zawrel
Direktor des Niederösterreichischen Landesmuseums
anlässlich der Installation "Kindskopf" von Gottfried
Helnwein
Minorittenkirche Krems
Das auratische Gesicht eines Kindes, sechs Meter
hoch, vier Meter breit, im Triumphbogen einer mittelalterlichen Kirche
hängend,
an Pfeilern und Wänden umgeben von dutzenden Leinwänden
im genormten Format von zweihundert mal hundertvierzig Zentimetern,
deren Köpfe und Fabelwesen sich erst bei näherem Hinsehen
leicht als Kinderzeichnungen zu erkennen geben - einmal mehr irritiert
Helnwein eingewöhnte Wahrnehmungsstrukturen in mehrfacher
Hinsicht, vor allem aber auch die Erwartungshaltung des Besuchers
einer Helnwein-Ausstellung. Das signalisiert schon der Titel, der
zweideutig auf das dargestellte Thema und die damit transportierte
ironisch-ernste Selbstdorstellung des Künstlers anspielt,
darin ähnlich dem Katologtitel "Untermensch" von
1988: KINDSKOPF.
FÜR
KINDER
Katja Behrens
Charity
Seit den frühen 70er Jahren schon spielt das
KIND eine Hauptrolle in Helnweins Kunst; das geschundene, verletzte,
bedrängte Kind in unserer Gesellschaft. Es sind die Narben und
Verbände, die medizinischen Instrumente, die Schläuche
und die Annäherungen der Erwachsenen, die die Kinder seiner
Bilder deformieren. Sie fügen ihnen sichtbaren Schaden zu; von
den "inneren Verletzungen"
ganz zu schweigen.
ENDZEITSTIMMUNG
- DÜSTERE BILDER IN GOLDENER ZEIT
Gregory Fuller
DuMont, Buchverlag, Köln
Das Gewaltthema und das Thema "der als Opfer" setzten
sich von Beckmanns früher Arbeit von 1907 bis zum heutigen Tag
fort. Bei Bruce Naumann, Marcel Odenbach, Jeff Wall und Gottfried
Helnwein wandeln sich zwar die künstlerischen Mittel radikal,
nicht aber das Thema selbst.
Bei Chris Burden schlägt die Aggression um in den selbstzugefügten
Schmerz. Bei Kiki Smith ist die Frau das Opfer der Erniedrigung und Beleidigung.
Überhaupt drückt sich in der Body-Art der frühen neunziger Jahre
eine Art toter Körperlichkeit aus. Auch der Leichnam bestätigt die
Körperlichkeit des Menschen. Bei Jürgen Brodwolf erinnern die Körper
an Mumien, bei Smith an ausgelaugte Objekte, bei Sindy Sherman an sexuell mutierte,
zerstückelte Schaufensterpuppen, bei Steven Hudson an aus dem Paradies
Verstoßene. Der menschliche Körper wird in der Kunst unseres Fin
de siècle als unterworfenes und gedemütigtes Objekt gesehen.
NEUNTER
NOVEMBER NACHT
Reinhold Mißelbeck
Kurator für Fotografie und neue Medien, Museum Ludwig Köln
Gottfried
Helnwein, Ninth November Night, Katalog
Es war ein Glücksfall, daß Gottfried
Helnwein ebenfalls danach strebte, aus dem Museums- und Galeriebetrieb
auszubrechen, um eine größere Öffentlichkeit anzusprechen.
An einem Ort wie dem zwischen Dom und Museum Ludwig und einer Zeit
wie der photokina mit ihren Hunderttausenden von Besuchern war diese
Möglichkeit in hohem Maße gegeben. Die 100 Meter lange
Bilderwand verfehlte ihre Wirkung nicht. Sie löste Betroffenheit,
aber auch Aggressivität aus, Nach wenigen Tagen schon waren
zahlreiche Bilder aufgeschnitten, eines sogar entwendet. Gottfried
Helnwein verstand die Ausstellung seiner Arbeiten und die Reaktion
des Publikums als einen Prozeß, der sich in späteren Präsentationen
niederschlagen und fortsetzen sollte. Die Bilder wurden nicht erneuert,
sondern geflickt, so daß dieses Mahnmal der Judenverfolgung
auf seiner nächsten Vorstellung in Lausanne bereits die Spuren
mangelnder Einsicht und des Unverstandes in der heutigen Zeit trägt.
DAS
KIND IM FOCUS
Johannes Rother
Mittelrhein-Museum, Koblenz
Zur Ausstellung, Teil I
Gottfried Helnwein, 1948 in Wien geboren, gilt als
einer der umstrittensten, aber auch bekanntesten bildenden Künstler
der Nachkriegszeit.
Das Werk des Malers und Fotografen entzieht sich erfolgreich der erledigenden
Einordnung wie auch dem systematisierenden Zugriff offizieller Kunstkritik. Zu
vielfältig ist die Bandbreite seiner künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten,
zu offensichtlich sind Brüche und Widersprüche, als daß man sein
künstlerisches Schaffen auf wenige griffige Schlagworte festlegen könnte:
Verweigerung stilistischer Kontinuität und immerwährender Neubeginn
sind bei Helnwein Konzept. Im Zentrum seines eigentlichen Interesses steht jedoch
- ganz im Sinne der Kunsttheorie Kandinskys - nicht WIE, sondern WAS Kunst transportiert
und welche Reaktion sie beim Publikum damit auszulösen in der Lage ist.
So manifestiert sich Helnweins künstlerische Qualität vor allem in
der vom Sujet auf den Betrachter ausgehenden emotionalen Intensität - unabhängig
vom gewählten Stil oder Medium.
INTOLERANZ
UND GEWALT
Johannes Rother
Mittelrhein-Museum, Koblenz
Zur Ausstellung, Teil II
Seit geraumer Zeit wird in der Bundesrepublik eine
erschreckende gesellschaftliche Entwicklung verzeichnet: Misstrauen,
Abneigung und Intoleranz allen Menschen gegenüber, die anders
aussehen oder anders denken, scheint wieder allgegenwärtig.
Hass auf Minderheiten manifestiert sich in brutalen Übergriffen
und Attentaten. Symptomatisch für diese Geisteshaltung und ihre
Konsequenzen steht für viele der Brandanschlag auf das Wohnhaus
einer türkischen Familie in Solingen. In der Nacht auf den 29.
Mai 1993 kamen dabei 5 Menschen ums Leben: Vier verbrannten in den
Flammen, eine Frau starb bei dem Versuch, ihre Tochter durch einen
Sprung aus dem Fenster vor dem Tod zu retten. Das Kind überlebte
schwerverletzt. |