03. January 1992
Mittelrhein-Museum, Koblenz
Zur Ausstellung, Teil II
Johannes Rother
INTOLERANZ UND GEWALT
About Gottfried Helnwein, Teil II
Seit geraumer Zeit wird in der Bundesrepublik eine erschreckende gesellschaftliche
Entwicklung verzeichnet: Misstrauen, Abneigung und Intoleranz allen Menschen
gegenüber, die anders aussehen oder anders denken, scheint wieder
allgegenwärtig. Hass auf Minderheiten manifestiert sich in brutalen Übergriffen
und Attentaten. Symptomatisch für diese Geisteshaltung und ihre
Konsequenzen steht für viele der Brandanschlag auf das Wohnhaus
einer türkischen Familie in Solingen. In der Nacht auf den 29. Mai
1993 kamen dabei 5 Menschen ums Leben: Vier verbrannten in den Flammen,
eine Frau starb bei dem Versuch, ihre Tochter durch einen Sprung aus
dem Fenster vor dem Tod zu retten. Das Kind überlebte schwerverletzt.
Die Reaktion
Zweifelsohne ist in Politik, Wissenschaft und Medien ein Dialog über
Gründe, Verbreitung und Gefahren der neuen Gewaltbereitschaft in
Gang gekommen: Man untersucht, wägt ab,, vergleicht, differenziert
und betreibt Ursachenforschung. Die Hinweise auf mögliche Erklärungsmuster
wie Rezession, Fehler in der Asylgesetzgebung, hohe Arbeitslosigkeit,
allgemeiner Werteverlust und anderes mehr sind Legion. Gerade die Politik
jedoch gerät zunehmend in die Gefahr, das eigentlich Wichtige aus
den Augen zu verlieren und nicht mehr klar genug auszusprechen: Die eindeutige
Ablehnung jeder Gewalt gegenüber Menschen, die Verurteilung von
Intoleranz und Fremdenhass, die notwendige Thematisierung des Schreckens.
Die Folge: Je komplexer die Darstellung des Problems auf offizieller
Seite, je unschärfer die Antwort auf die Geschehnisse, desto größer
die Gefahr der Verdrängung.
Helnwein
Auch die bildende Kunst scheint sich aus dem schwierigen Geschäft
zurückgezogen zu haben und allenfalls für Galerien, Sammler,
Eliten zu produzieren. Gottfried Helnwein, 1948 in Wien geboren, gehört
zu den wenigen zeitgenössischen Künstlern, die sich nie der
Verantwortung entzogen haben, mit den Mitteln der Kunst auf aktuelle
Ereignisse zu reagieren. Vielen Menschen ist seine Bilderstrasse
"Neunter November Nacht" noch in Erinnerung. Aus Anlass der
50. Wiederkehr der "Reichskristallnacht", des Beginn des Holocaust
im Jahre 1938, konfrontierte er Kölner Passanten mit einer wie zur
Selektion aufgereihten und endlos scheinenden reihe überlebensgroßer
Kindergesichter. Simon Wiesenthal schrieb damals: "Menschen, bleibt
bitte alle stehen, schaut Euch diese Kindergesichter an und multipliziert
ihre Zahl mit einigen Hunderttausend. Dann werdet ihr das Ausmaß des
Holocaust, der größten Tragödie in der Geschichte der
Menschheit erkennen oder erahnen.
Das Konzept
Einige Tage nach dem Brandanschlag in n Solingen hat Helnwein das überlebende
türkische Mädchen besucht und fotografiert. Mit den ureigenen
Mitteln der Kunst als non-verbaler Kommunikation und der ihm eigenen
künstlerischen Radikalität und Kompromisslosigkeit verlässt
er den Bereich rational-intellektueller( und damit immer auch distanzierter)Auseinandersetzung
mit der Thematik und spricht unmittelbar die Emotionen der Menschen an.
Anknüpfend an "Neunter November Nacht" zeigt Helnwein
sechs Fotografien des Opfers, alle in der Größe von 15 x 10
Metern. Kein Kommentar lenkt von Leid und Schmerz ab: Allein der Blick
in das Kindergesicht lässt im ganzen Umfang begreifen, was es bedeutet,
Opfer von Gewalt zu sein. Keine noch so anspruchsvolle und differenzierte
Abstraktion der Thematik vermag derart intensive und unmittelbare Betroffenheit
beim Betrachter zu bewirken. Erklärte Absicht Helnwein ist es, emotionale
Prozesse bei einer möglichst großen Anzahl Menschen in Gang
zu setzen- gemäß der Überzeugung, dass das Problem Gewalt
gegenüber Fremden nicht durch wenige Experten, sondern nur durch
die Gemeinschaft zu lösen ist. Er verlässt deshalb wiederum
den Museumsbetrieb und installiert seine Bilder im öffentlichen
Raum der Straße- so trifft er den Betrachter direkt und unvorbereitet.
Mit der Sprache seiner Kunst, der Reduktion auf das Wesentliche und
der direkten Ansprache des unvorbereiteten Passanten, will der Künstler
sein Ziel erreichen: Mitleid, Mitgefühl beim Betrachter zu wecken
und so den Einzelnen instinktiv spüren zu lassen, dass er das, was
in Solingen geschah und überall wieder geschehen kann, nicht will.
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